Analoge Leica M - Stefan Kundert

Mein Sohn erwarb vor ein paar Jahren eine hervorragend erhaltene Leica IIIg aus dem Jahre 1958 und nutzt sie gelegentlich voller Freude und entwickelt die Schwarz-Weiss Negative sogar selbst. Für ihn stellt die Analogfotografie ein neues, ungewohntes, aber auch faszinierendes dar. Meinen Sohn beobachtend wurden in mir Erinnerungen an die Zeit vor der Digitalfotografie wieder wach. Gedanklich liessen mich die wunderbaren Fotoerlebnisse aus den Jahren vor 2005 nicht mehr los, als man noch einen Negativ- und in meinem Falle vor allem Dia Filme in die Kamera einlegte. Man musste sich damals genau überlegen, wann auf den Auslöser zu drücken, denn nach nur 24 oder 36 Klicks war der Spass mit dem eingelegten Film vorbei. Das analoge Fotografieren war ein teures Vergnügen, denn ein 36er Film kostete ca. 5 Franken und die Entwicklung der Negative und Abzüge gut und gern nochmals einen Franken pro Bild. Das Warten auf die entwickelten Negative und Abzüge aus dem nahegelegenen Fotogeschäft wurde zur Geduldsprobe. Umso grösser war die Freude, wenn man anschliessend ein paar gute Bilder ins Fotoalbum kleben konnte.

Analog-Fotografie im Trend

Die digitale Fotografie hat die Analogfotografie zum Zusammenbruch zahlreicher Firmen geführt, allen voran der Weltmarktführer Kodak. Das Fotografieren mit Filmen schien im Amateur- und Kleinbildformat definitiv der Vergangenheit anzugehören. Vor einigen Jahren hat sich jedoch wieder eine kleine, aber wachsende Fangemeinde der analogen Fotografie gebildet. Dies lässt uns berechtigterweise hoffen, dass die Filmindustrie auch in Zukunft eine breite Palette von Negativ- und Diafilmen anbietet.

Noch immer bietet Leica, als weltweit einzig verbliebener Hersteller von analogen Kleinbildkameras, drei aktuelle Modelle analoger Kleinbildkameras an:

  • die Leica M7 (ab 2002)
  • die Leica MP (ab 2003)
  • die Leica M-A (ab 2014)

Die analoge Fotografie meines Sohnes beobachtend, liess mich der Gedanke nicht mehr los, mein eigenes analoges Fotoerlebnis, nach über 10 Jahren Pause erneut aufleben zu lassen. Mit meinen alten Minolta-Kameras mochte ich, obwohl noch einwandfrei funktionierend, nicht mehr fotografieren. Die Leica M Objektive erzeugen im Gegensatz zu meinen alten Minolta-Gläsern Bilder von einer hervorragenden Qualität. Da kommt mir die Leica-Strategie, die schon immer auf Komptabilität und Kontinuität abzielte, sehr zugute. Alle Leica M Objektive, auch aus neuester Generation, passen wunderbar auf jede analoge Leica M. Im Internet suchte ich nach einer gebrauchten Kamera, die möglichst wenig Gebrauchsspuren aufwies. Glücklicherweise konnte ich eine Leica M6 aus dem Jahr 1994, die die letzten 20 Jahre vorwiegend im Schrank oder Vitrine verbrachte, zu einem fairen Preis erwerben. Ein ehemaliger Bundeshaus-Fotograf erwarb die Kamera 1995 in New York und schenkte sie mangels Gebrauch seinem Bruder, der sie wiederum nicht benutze und in die Vitrine stellte. Passend zu jener Zeit besorgte ich ein ausziehbares Leica Elmar-M 50 mm 1:2.8 aus dem Jahr 2000.

Leica M6 (1994)

Die ersten, aus der Leica M6 entwickelten Negative boten ein äusserst bescheidenes Resultat. Denn der erste, günstige Durchlichtscanner, Reflecta Filmscanner ProScan 10T, produzierte häufig Fehlbelichtungen und das für Bilder aus analogen Kameras typische Filmkorn glich eher Kieselsteinen. Erst mit der Anschaffung des wesentlich teureren Plustek OpticFilm 120 (für Klein- und Mittelformatnegative), konnten die erhofften Ergebnisse erzielt werden.

Schon zu Beginn weg, haben mich nicht nur die Leica Kameras, sondern auch die Historie der Unternehmung fasziniert. Die Firma wurde von Ernst Leitz im Jahr 1869 in Wetzlar (Deutschland) als optisches Institut mit dem Namen Leitz gegründet. Heute existiert das Unternehmen, immer noch in Wetzlar ansässig, unter dem Namen Leica Camera AG. Vom ersten am Markt erfolgreichen Hersteller einer Kleinbildkamera zum heute erfolgreichen Nischenanbieter im Kamera-Luxussegment war ein langer und steiniger Weg. Ab Markteinführung der Leica Kleinbildkameras war die Familienunternehmung Leitz äusserst erfolgreich. Die Ignorierung von zwei fundamentalen Entwicklungen im Fotokamera-Markt, japanische Spiegelreflexkameras ab den 1970-er Jahren einerseits sowie die Digitalfotografie ab 2004 andererseits, führte zu einigen Besitzerwechseln und drohendem Konkurs. Dank eines weitsichtigen Investors, Dr. Andreas Kaufmann, der sich mit Herzblut und grossem finanziellen Engagement engagierte, ist die Leica Camera AG seit 2010 wieder kommerziell erfolgreich.

Der Versuchung eine Kamera der ersten M-Generation zu besitzen, konnte ich nicht widerstehen. Eine Leica M3 aus dem Jahr 1961 sowie einem passenden silbernen Objektiv, Leica Summilux-M 50 mm 1:1.4, aus dem Jahr 1962 kaufte ich im Leica Store, an der Kuttelgasse in Zürich. Dieses Objektiv hat längst Kultstatus erreicht, wurde es doch zwischen 1961 und 2004, praktisch unverändert und in grossen Stückzahlen produziert. Noch heute ist dieses Objektiv bezüglich Lichtstärke und Abbildungsqualität jederzeit moderner Objektive anderer Hersteller ebenbürtig.

Leica M3 (1961)

Im September 2014 kündigte Leica, für viele überraschend, eine neue analoge Kamera der M-Familie, die Leica M-A (Typ 127) an. Kein anderer Fotokamerahersteller als der Nischenanbieter Leica wäre auf die Idee gekommen und hätte den Mut gehabt, in der heutigen Zeit, eine neue analoge Kamera auf den Markt zu bringen. Mit einer rein mechanischen Fotofilm-Kamera ohne Belichtungsmesser und ohne Batterie besinnt sich Leica auf den Ursprung der M Kameras, der Leica M3 von 1954 zurück. Die Leica M-A stellt ein auf das Wesentliche reduziertes und zeitloses Präzisionsinstrument mit qualitativ hervorragender Mechanik dar, welches noch in fünfzig Jahre seinen Dienst verrichten wird. Weder Bildsensor, Bildschirm noch andere elektronische Bauteile können die Lebensdauer dieser Kamera begrenzen. Solange Filme in Kleinbildformat verfügbar bleiben, wird diese Leica-Kamera Bilder in höchster Qualität produzieren und damit das analoge Fotozeitalter am Leben erhalten. Keine Menüeinstellungen, keine Firmware-Updates und keine Akkuladezeiten lenken vom Wesentlichen der Fotografie ab, der Konzentration auf das Motiv und die Bildgestaltung durch Einstellen von Blende, Verschlusszeit und Fokuspunkt. Unverwechselbar in Grösse und Gewicht, zeitlos und unvergleichbar in der Haptik, sowie ein Auslösegeräuch von akustischen Genuss, zeichnet das jüngste Modell der analogen M-Familie aus. Wohlwissend, dass die Bildqualität der heutigen (semi-) professionellen, digitalen Kameras auch mit der besten analogen Kamera nicht annährend erreicht werden kann, konnte ich einem Angebot in Ricardo nicht widerstehen. Eine neuwertige, Silber verchromte Leica M-A aus dem Jahr 2015, welche nur gerade für zwei Filme zu Testzwecken eingesetzt wurde und keinerlei Gebrauchsspuren aufwies, war das Objekt der Begierde und bald darauf mein Eigentum. In Kombination mit einem Objektiv Leica Summicron-M ASPH 35 mm 1:2.0 der neuesten Generation bereitet mir meine Leica M-A seither viel Freude.

Leica M-A (2015)

Meine Sammel-Leidenschaft, die in mir wahrscheinlich genetisch verankert ist, haben inzwischen die Leica M Modelle erreicht. So kam es, dass sich eine Leica M4-2, schwarz verchromt, aus kanadischer Herstellung im Jahr 1980 meine M-Familie ergänzte. Hinter diesem  Modell verbirgt sich eine interessante Geschichte. Im Jahr 1975 stellte Leitz aus wirtschaftlichen Gründen die Produktion des Modells M4 in Deutschland ein. Man wollte sich ausschliesslich auf die neue Modellreihe M5, erstmals mit integriertem Belichtungsmesser, konzentrieren. Dank der Initiative enthusiastischer Leitz-Mitarbeiter wurde die Produktion im kanadischen Werk, Ernst Leitz Canada Limited in Midland (Ontario), mit einer etwas abgespeckten und günstigeren Version M4-2 während den Jahren 1979 und 1980 aufrecht erhalten. Völlig zu Unrecht gilt dieses Modell noch heute den M4-Kameras aus deutscher Herstellung als qualitativ nicht ebenbürtig.

Leica M4-2 (1980)

Die Leica MP ist das Schwestermodell der Leica M-A. Der Unterschied liegt darin, dass die Leica M-A rein mechanisch und ohne elektrische Energie funktioniert. Die Leica MP hingegen verfügt über einen integrierten Belichtungsmesser, welcher elektrisch mit einer Knopfzelle betrieben wird. Abgesehen vom Belichtungsmesser wird die Leica MP ebenfalls rein mechanisch betrieben. Mit der Möglichkeit von "Leica M à la carte" kann eine Leica M in einem beschränkten Ausmass nach eigenen Vorstellungen konfiguriert werden. So besitzt meine neue Leica MP von 2017, die mir mehr zusagende Belederung der Leica M Typ 240 und eine klassische, reduzierte Rahmenkombination für 35, 50 und 90 mm Brennweiten. Damit wird jeweils nur ein Sucherrahmen eingeblendet. Auf den Sucherrahmen für eine Brennweite von 28 mm kann ich verzichten, da dieser als Brillenträger sowieso kaum sichtbar ist. Die Brennweite von 135 mm halte ich bei einer Messsucher-Kamera für äusserst unpraktisch. Für längere Brennweiten gibt es geeignetere Kamerasysteme wie beispielsweise die Leica SL.


Inzwischen hat mich die Analogfotografie endgültig in ihren Bann gezogen. Das Einscannen von Negativen zwecks Digitalisierung war mir irgendwie nicht sympathisch und Papierauszüge wollte ich nicht. Was macht es für einen Sinn, analog zu fotografieren um anschliessend die Fotos zu digitalisieren. So habe ich mich in der Analogfotografie ganz den sogenannten Umkehrfilmen, das heisst der Dia-Fotografie zugewandt. Damit bin ich vollständig zu meinen fotografischen Wurzeln zurückgekehrt. Denn schon 1991 mit meiner Minolta Spiegelreflexkamera habe ich praktisch ausschliesslich Diafilme benützt. Heute wie damals favorisiere ich den Agfa Farbdiafilm, heute unter dem Namen Agfa Photo CT 100 precisa noch immer mit demselben Kunststoff Diarahmen erhältlich. Mit einem Dia erhält man ein Unikat, das weder nachbearbeitet noch vervielfältigt werden kann - einfach faszinierend ursprünglich. Ausser auf Reisen, bei denen ich nach wie vor digital fotografiere, kommen zuhause und in unserem Ferienort Lenzerheide  praktisch ausschliesslich meine analoge M's, bestückt mit Diafilmen zum Einsatz. Es gibt für mich keine schönere Art, analoge Bilder in einer analogen Diashow mit Diaprojektor und Leinwand zu betrachten. Kein bezahlbarer Beamer der Welt kann die Leuchtkraft eines guten Diaprojektors erreichen. Einfach wunderbar.


Leica MP (2017)

Ein Ferienaufenthalt 2017 in Singapur führte mich in den beim Marina Bay Sands Hotel ansässigen Leica Store. Die aktuellen Leica Modelle interessierten mich dort nicht, diese sehen in jedem Leica Geschäft weltweit genau gleich aus. Jedoch entdeckte ich eine Leica M2 schwarz lackiert. Die Leica M2 wurde wie schon die M3 ab 1958 bis 1968 in sehr geringen Stückzahlen (offiziell 1'871 Stück) mit schwarz lackiertem Gehäuse gefertigt. Aufgrund des geänderten Suchersystems mit der Bildfeldmarkierung für 35mm Objektive erfreute sich die Leica M2 zunehmender Beliebtheit bei Berufsfotografen. Wie schon bei der Leica M3 war auch hier der Wunsch nach einen unauffälligen, schwarz lackiertem Gehäuse gross. Beinahe hätte ich diese in sehr gutem Zustand befindliche Kamera im Leica Store Singapur gekauft. Allerdings störten mich zwei Stellen, die offensichtlich nicht fachgerecht mit schwarzer Farbe übermalt wurden. Unsicher, ob ich jemals wieder einer Leica M in original schwarz lackierter Ausführung in solch gutem Zustand begegnen würde, verliess ich Singapur diesbezüglich mit gemischten Gefühlen. Nach Hause zurückgekehrt liessen mich die Gedanken an die schwarz lackierte M aus Singapur nicht mehr los und ich begann im Internet nach gebrauchten schwarz lackierten M's Ausschau zu halten. Es gibt zahlreiche, nachträglich schwarz lackierte Leica M3 und M2 Kameras. Diese haben natürlich mit den ursprünglichen schwarz lackierten Kameras nichts gemein, denn sie besitzen wie alle ursprünglich in silber oder schwarz verchromter Ausführung ein Gehäuse aus Aluminium. Die original schwarz lackierte Version basierte allerdings auf einem Messinggehäuse. Fündig wurde ich schliesslich im November 2017 bei Meister Camera, einem traditionsreichen Leica Händler in Hamburg. Angeboten wurde eine schwarz lackierte Leica M2 mit Baujahr 1964. Die Kamera stammt aus einem offiziellen "schwarz Lack" Produktionslos. Der technische und kosmetische Zustand ist neuwertig. Die Kamera wurde im Laufe der 1980er Jahre im Werk restauriert und wurde seither wohl kaum benutzt. Ein derart perfekt erhaltener Zustand schien mir selbst nach einer Aufarbeitung im Werk eine absolute Besonderheit zu sein und wurde umgehend Mitglied meiner Leica M Sammlung. Was noch fehlt ist ein schwarz lackiertes Objektiv aus jener Zeit…

Leica M2 (1964)

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